Leitkultur – eine Chimäre?

Ein Vortrag zur Komplexität eines Diskurses

Im Rahmen des Neujahrsempfangs der KStV Nibelung wurde von einem Kartellbruder nibelung,  Prof. Dr. iur. Maximilian Wallerath, ein Vortrag zur komplex rezipierten Begrifflichkeit der Leitkultur gehalten. Nachdem er seine Freude über seine Rückkehr nach Köln zum Ausdruck gebracht hatte begann er mit der Einführung in das, nahezu allen Gästen zuvor unbekannte, Thema. Besonderen Fokus legt er auf die semantische Deutung des Begriffes Leitkultur im gesellschaftlich politischen Diskurs.

Eine historische Zeichnung einer Chimäre © Wikimedia Commons

Wichtig sind hierbei zwei Dinge, zunächst einmal die Definition des Begriffs Chimäre, der vor allem in der wissenschaftlichen Disziplin der Biologie aufgegriffen wird. Dort steht er aufgrund seiner Mythologischen Bedeutung für Mischwesen verschiedenster Natur. Die zweite (unwissenschaftliche) Bedeutung von Chimäre ist das Trugbild und bezieht sich also vor allem auf die nötige imaginäre Kapazität die bei der Erfindung des mythologischen Wesens vonnöten sein müsste.

Nun zum Begriff der Leitkultur, dieser wird polar wahrgenommen und daher unterschiedlichst verstanden. Er stammt ursprünglich vom Politologen Bassam Tibi, der ihn 1996 in die politikwissenschaftliche Debatte einführte um damit einen gesellschaftlichen Konsens auf Basis der europäischen Werte zu umschreiben, der darauf basierend eine ideelle Klammer bilden soll, die Zugewanderte und ursprüngliche Bewohnern gemeinsam umschließt. Ziel war also die Thematisierung der Integration von Zugewanderten in die bereits bestehende gesellschaftliche Kultur mittels einer vorgelebten (europäischen) Leitkultur, die auf Toleranz und Akzeptanz beruht.  Die Notwendigkeit einer Leitkultur begründet Tibi durch die hier vorherrschende Konzeption der (kulturellen) Identität durch Ethnizität. Daraus postuliert er „Zu jeder Identität gehört eine Leitkultur!“, diese soll als Leitbild die individuellen Mitglieder der Gesellschaft einen.

Zug der Studenten anlässlich des Wartburgfestes 1817 – ein historisches Beispiel für die Forderung einer Leitkultur

2001 warnt er vor einem Europa das als „Multi-Kulti-Sammelwohngebiet ohne eigene Identität“ existiere, dem es drohe ein „Schauplatz für ethnische Konflikte und für religiös gefärbte, politisch-soziale Auseinandersetzungen zwischen Fundamentalismen“, zu werden. Für einen fruchtbaren Kulturpluralismus benötigte es laut Tibi einer verbindlichen europäischen Leitkultur, die als eine kulturelle Moderne mit starker Verwurzelung in Aufklärung, Säkularisierung und Toleranz definiert seien müsste.

Der Rückschluss aus dem Bedarf an einer europäischen Leitkultur wäre eine Deutsche Leitkultur. Diese Begrifflichkeit schwirrt seit Ende der 90er Jahre durch die (wissenschaftliche) Presse und stößt prägnant negativ auf. Problematisch hierbei ist die auditive Nähr zur (Deutschen) Reinkultur, die eine fundamentalistische rassistische Ideologie versprachlicht, die mit der Deutschen Leitkultur als Konstrukt Tibis jedoch nichts gemein hat. Dieser Zusammenhang wird jedoch häufig als gegeben angenommen und resultiert in der zuvor beschriebenen polaren Wahrnehmung des Begriffs Leitkultur.

Kb Wallerath differenzierte die Thematik weiterhin um die Grundlagen eines gesellschaftlichen Zusammenlebens und die Grundlagen einer demokratischen Gesellschaft. Frei nach Kant zitiert er: „Was du nicht willst das man Dir tut, das füg auch keinem Anderen zu.“, und bezieht dies auf die ursprüngliche Bedeutung von Leitkultur. Jedoch stellt er auch klar, dass trotzdem das Konzept der Leitkultur einen inhärent restriktiven Charakter zu haben scheint, dies ursprünglich nicht der Fall gewesen sei. Grundsatz sollte die Vorbildfunktion durch die Praxis des „mit gutem Beispiel vorangehens“ sein.

Jedoch scheint hier ein weiteres Problem in der Kompatibilität der Leitkultur und dem deutschen Selbstverständnis zu liegen. Obwohl das Konzept der Leitkultur nicht grundlegend restriktiv ist gibt es einige normative Komponenten, die der die deutsche Gesellschaft konstituierende individuelle Freiheit Reibungspunkte bieten. Zusätzlich ist die Leitkultur nach Tibi ein gänzlich säkulares Konstrukt und entbehrt jeglicher religiösen Tendenzen (dies gilt für Zugewanderte sowie Deutsche).

Schlussendlich definiert Wallerath die Leitkultur nach seinem Verständnis als Sammlung gelebter moralischer gesellschaftlicher Werte, die jedoch rechtlich nicht legitimiert werden kann. Dies liegt in der Optionalität von Recht und Rechtswahrung begründet, es gibt also keinen Zwang zur Festschreibung besagter Werte.

Ingesamt war es ein sehr gut aufbereiteter und vor allem informativer Überblick über die diversen Definitionen und Wahrnehmungen der Begrifflichkeit und des Konzeptes der Leitkultur.

In Folge auf diese gehaltreiche Thematik klang der Abend bei einem kleinen aber feinen Buffet und dem oder anderen Glas goldenen Weines aus.

Lennart Backs
Sv! Nbg!